Es war nicht alles schlecht

Häufig übersieht man sie im eigenen hektischen Alltag schnell mal – die älteren Menschen, die immer einen Ticken zu langsam für die Grünphase der Fußgängerampel sind. An denen rennt man dann ganz schnell mal vorbei, während sich alles ums eigene Universum dreht: die eigenen Ansichten, die man im Laufe der Zeit so hat reifen lassen, die eigene Art und Weise, wie man seine Kinder erziehen möchte, die Arbeit, die man ausführen möchte und die Art wie man lebt und liebt. Und ganz schnell kann es einem da passieren, dass Weltansichten der älteren Generation als überholt und veraltet ad acta gelegt werden. Gerechtfertigt?

Nur ein kleiner Schwenk durch das Leben der Generation unserer Großeltern lässt erahnen welche Erfahrungen sie in sich tragen. Inflation, Krieg, Hitler, Babyboom, Elvis, Farbfernseher, die RAF, die Mauer, das Internet – wie könnten man da jemals erwarten mehr zu wissen als jemand, der es bei Grün nicht über die Ampel schafft? Doch was ist davon in der heutigen Welt noch übrig und was ist das ‘wert’?

Viele Werte, die es zu wahren galt in einer Zeit, als Frauen ihren Mann um Erlaubnis bitten mussten zu arbeiten sind wir froh abgelegt zu haben. Binäre Geschlechterrollen, traditionelles Familienbild um jeden Preis, sei deinem Mann eine gute Ehefrau, Jungs weinen nicht – wer brauch das heute noch? Wir nicht.

Das ist ja das Schöne, dass wir und unsere Eltern sich so mit der Zeit erarbeitet haben. Dass wir unser Lebensmodell heute so gestalten können, losgelöst von Normen, die es zu erfüllen gilt, eben wie wir es wollen. In einer vermeintlich gleichgestellten Gesellschaft kann sich zumindest jeder dafür einsetzen das zu werden, was er möchte und mit wem er es möchte. Aber wie sagt man so schön – es war nicht alles schlecht!

Möchten Weltansichten noch so alt oder überholt sein – sollten wir dennoch vielleicht alle ab und zu mal unseren moralischen Kompass aktivieren? Nun ist es ja nicht so, dass wir (ich zumindest) nicht unbedingt immer in Überdruss an Glückseligkeit leben. Gerade das macht Zufriedenheit ja vielleicht auch aus. Zurück zu blicken und zu überlegen: Was möchte ich mitnehmen, was möchte ich zurück lassen? So aufgeklärt und modern wir auch zu sein behaupten: Manchmal ist ein Austausch mit den Generationen vor uns der Schlüssel. Von den Eltern und Großeltern können wir immer noch lernen – und umgekehrt genauso.

Diejenigen unter uns, die noch Großeltern haben kennen das vielleicht. Ab und zu sitzt man dann doch zusammen und es wirkt als würde man in unterschiedlichen Welten leben. “Kannst du mir das faxen?” fragte die 97-jährige Oma zuletzt. – “Hä nee, ich schicks dir einfach bei Whatsapp.” Kurze Kommunikationswege, Mobilität und damit verbundene Flexibilität, ein unausgesprochenes Verständnis für Toleranz und Weltoffenheit sind Werte, die die vorherige Generation an uns bestaunt. Gleichzeitig halte ich den Austausch auch für ungemein wichtig, um eben diese Werte auf den Prüfstand zu stellen.

Der Drang nach Schnelllebigkeit zum Beispiel. Sie hat ihre Tücken, die sich auf die gesamte Gesellschaft auswirken: Eine Wegwerfgesellschaft, in der es jährlich zu 12 Millionen Tonnen an Lebensmittelabfällen allein in Deutschland kommt würde es nicht geben, lebten wir wie ein Großteil unserer Großeltern. Würden wir wie früher all unsere Dinge, die kaputt gegangen sind reparieren, anstatt sie neu zu kaufen würde es deutlich wenig Schrott geben. Jeder weiß ja, dass das Angebot die Nachfrage bestimmt. Und dabei geht es nicht nur um den alten Föhn, ders einfach nicht mehr bringt, sondern vielleicht auch um zerrüttete Freundschaften oder Beziehungen. Ja, manchmal da muss man das Leben umkrempeln, da muss Neues her – und zum Glück ist das heute in der Regel möglich, wenn auch manchmal holprig. Dennoch ist neu nicht immer besser – wissen wir eigentlich, oder?

Schlussfolgernd gibt es natürlich Werte, nach denen es sich auch heute noch lohnt zu streben. Wir müssen nur flexibel genug bleiben darüber nachzudenken und nicht immer das Alte als kategorisch VERaltet entwerten. Denn wie gesagt – wie könnte man meinen weiser zu sein als jemand, der bereits so viel mehr gesehen hat als man selbst es jemals wird? Wir wissen doch selbst, dass wir durch jedes Stolpern, durch jeden Verlust, durch jede berufliche Hürde immer auch ein bisschen klüger geworden sind.

Wenn es also eine Sache gibt, die ich mir wünsche mitzunehmen von meiner Großmutter, dann ist es ihre Demut ihrem eigenen Leben gegenüber. Zufriedenheit darüber, dass man mal mehr mal weniger gesund sein darf, mal mehr mal weniger frei sein kann, sich so ausbilden darf wie man es möchte – wie verdammt viel ist das denn eigentlich wert? Genügsamkeit ist damit nicht nur der Inbegriff persönlicher Nachhaltigkeit, ich denke sie befreit auch ungemein von nicht zu erfüllenden Erwartungen – sowohl an einen selbst, als auch an das Außen. In diesem Sinne – Amen, und ein Hoch auf das Älterwerden!

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